Berlin-Friedrichshain, die „Supamolly“ ist eine super mollige Kiez-Kneipe, betrieben von einem Hauskollektiv. Einen kleinen Theaterraum für Partys, Konzerte und Kulturveranstaltungen aller Art erreicht man, wenn durch eine Seitentür ein Torbogen passiert wird, man sich plötzlich im Nebenhaus befindet, sich dort durch ein Labyrinth von Gängen schlängelt und dann staunt, weil man sich nun unerwartet in einem kleinen zweistöckigen Raum mit Bühne und Balustrade befindet.
Hier also findet der erste Puppetry Slam in Deutschland statt, am 22. Februar 2015 um 20:00 Uhr.  
Beim Slam-Format werden in einem siebenminütigen Auftritt selbst verfasste Texte von einer Person vorgetragen, verlesen, performt oder wie auch immer dem Publikum nahe gebracht. Jana Heinicke, erfahrene Poetry Slamerin und Autorin, hatte die Idee, Puppenspielern oder Menschen, die mit einer Puppe, einem Objekt oder einer Maskerade – der Phantasie sollen keine Grenzen gesetzt werden – eine Bühne für diese Art Wettstreit zu schaffen. Eine Publikumsjury kürt den besten und originellsten Vortrag.
Weit mehr als 50 Personen hoffen immer noch auf Einlass, als ich 30 Minuten vor Beginn die Supamolly erreiche. Doch da war der kleine Theatersaal bereits mit mindestens ebenso vielen Zuschauern hoffnungslos überfüllt. Viele neugierige Slamenthusiasten mussten nach Hause geschickt werden, in der Hoffnung auf eine Fortführung dieser Art von Slam-Veranstaltung.
Jana Heinicke auf der Bühne erklärte die Spielregeln, freiwillige Juroren aus dem Publikum wurden ausgewählt, erhielten Bewertungstafeln mit Noten von 1 bis 10.
Und dann trat ‚Ratte‘ auf. Über den Zuschauern, über der Bühne auf einem kleinen Balkon mit schmiedeeisernem Gitter. Ratte war groß, biegsam weil aus schwarzem Latex gefertigt und hatte einen sympathischen Giftzahn, mit dem sie, oder besser gesagt er, im Verlauf des Abends höchst komische oder auch mal gespielt übellaunige, arrogante oder warnende Kommentare dem Publikum um die Ohren schmetterte. Hinter Ratte verbarg sich René Marik, bekannt durch ‚Maulwurfn‘ und ein Comedystar der Puppenspielszene.

Es hatten sich insgesamt sieben Teilnehmer für diese Puppetry Slam-Premiere beworben, ein Platz wurde für eine spontane Teilnahme freigehalten. Und die gab es dann sogar nach der Pause tatsächlich, später dazu mehr.
Der Wettstreit wurde eröffnet von „Burschi“, einem Linzer Vorstadtjockel mit Goldkettchen und Ripsunterhemd, der in schönstem österreichischem Jargon über Gott und die Welt herzog, insbesondere aber badete er sich verbal mit Prolophrasen über seine Arten von Frauenanmache. Katharina Halus zeigte eine Performance, die ihren Humor hauptsächlich über den teilweise derben Dialekt erreichte.
Die „Hand“ von Marcel Kurzidim aus Hildesheim – mit Handschuh und angedeutetem Auge –  philosophierte über den Sinn des Lebens so komisch über den schlacksigen langen Körper von Marcel, verschlungen und verdreht, sprach mal geheimnisvoll, dann wieder mit Selbstmitleid  und Verzweiflung und lüftete schließlich ein ganz geheimes Geheimnis: diese Hand hatte sich verliebt. Unsterblich. Allerdings in eine Glastür.
Aus Mainz waren angereist: Herr Josef Gerber, eine Klappmaulpuppe, begleitet vom Puppenspieler Dietmar Bertram. Dieser Josef versuchte seinem Dietmar die Welt zu erklären und zwar rückwärts. Angefangen mit der Ausweisung und Flucht aus dem Sudetenland, Kriegsgrauen und Kriegswirren. Ernste Töne wurden hier angeschlagen, ein mutiger Versuch, dem Komik erwartenden Publikum politische Ansichten nahe zu bringen. Ganz gut gelungen, aber nicht recht goutiert.
Die nächste Kandidatin, Clara Fritsche, ist Studentin des Studienganges Zeitgenössische Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Ihre Begleitung: ein ziemlich großkopfiger und von daher auch sehr intellektuell parlierender Eisbär, nicht mit Namen Knut. Dieser hier heißt Ernst. Und so erklärte er auch sehr ernst seine akademischen Ausführungen über das Sein als Eisbär im Allgemeinen und Besonderen. Und natürlich fehlten auch Bemerkungen zum ‚Übereisbären Knut‘ nicht, der nichts weiter als seine drollige Tolpatschigkeit zu bieten hatte .
Auch Caspar Bankert studiert Puppenspiel an der Busch-Hochschule. Mit lediglich zwei Trinkröhrchen und zwei Pappschachteln aus dem Supermarkt, die verschiedene Zuckersorten enthielten, veranstaltete er eine grandiose Zuckerschlacht. Puderzucker oder Hagelzucker, welches ist die bessere und gesündere Zuckersorte? Diese Frage kann nur kriegerisch geklärt werden. Unversöhnlich stehen sich auf einer  Seite Puderzucker, auf der anderen Hagelzucker gegenüber. Die ‚Schlachtleitung‘ hatten die Trinkröhrchengenerale GRÜN und BLAU, es ging schließlich um die Vorherrschaft des besseren Kohlenhydrates. Puderzucker war in der Kampfhaltung etwas ‚weicher‘, wollte dem Gegner die Nase ordentlich bepudern. Hagelzucker konterte mit dem forschen Ruf: „Diesen Pudernasen muss man es einmal gründlich verhageln!“ Ein staubiger Zuckersturm fegte über den Spieltisch, ein riesiger Süßwarenebel. Das Publikum war überaus begeistert, auch wenn die Trinkröhrchengenerale an Diabetes letztlich zu Grunde gingen. Caspar Bankert ging mit höchster Bewertung ins Finale, wobei die in die Höhe gehaltenen Punkttafeln mich irgendwie immer an die Bewertungen für Pflicht und Kür beim Eiskunstlauf erinnerten.

Bevor die Runde ‚Kür‘ in die Pause ging, gab es eine Schattenspielvariation von Klaus Gruber, Straßenmusiker mit Begeisterung fürs Puppenspiel. Die Story war allerdings etwas diffus, zudem nicht gerade charmant vorgetragen. Das Publikum reagierte nicht gerade mit freundlichen Bemerkungen. Jana Heinicke stellte kurz und knapp klar, dass jeder, der hier auf die Bühne geht und sich dem Publikum stellt, Respekt verdient hat, egal ob einem die Darbietung gefällt oder nicht.
Immer wieder hatte auch Ratte gelegentlich zu niedrige Bewertungen mit Sprüchen  bedacht wie: wenn Du das noch einmal machst, dann komme ich persönlich zu Dir, ich weiß wo Du wohnst, ich kenne Dein Haus, da kannste aber was erleben. Die Doppelmoderation war ziemlich witzig, besonders wenn sich Jana und René in Wortspielereien versuchten zu übertreffen. Ratte ließ sich nicht von ihr als „süße kleine Maus“ bezeichnen, schließlich würde man Rotkäppchen ja auch einen bösen Wolf zubilligen und keinen Dackel. Also bitte!
Nach der Pause hat sich eine mit Namen Jule vorgestellte junge Frau spontan entschlossen, den frei gehaltenen Platz 8 zu übernehmen. Mit nichts weiter als einem Taschenmesser überrascht sie mit Messer-Wortspielereien: über die Klinge springen, auf des Messers Schneide, messerscharf, wegschneiden, durchschneiden, beschneiden. Der Mess-ias fehlte bei der witzigen Aufzählung ebenso wenig wie Reinhold Mess-ner oder Mackie Messer. Es gab viel Jubel, viel Applaus ob der spontanen Einlage. Aber ins Finale konnte sie leider nicht mehr kommen. Das hatten sich Ernst, der Eisbär, die philosophierende Hand und die Zuckerschlacht mit den höchsten Jurypunkten erkämpft.

Diese drei Kandidaten mussten nun in der Schlussrunde mit einer anderen Darbietung um den Sieg kämpfen. Kampfrichter war wieder das Publikum, diesmal per Applausstärke.

Es war Caspar Bankert, der mit Pappkönig, ebensolcher Prinzessin und mit einem unerschrockenen Prinzen den Drachen besiegen ließ, der eine alte Märchengeschichte auf ganz moderne Art und Weise darbrachte, der ¬gekonnt kleine Pannen locker überspielte und so die Puppet Poetry Trophäe, eine goldfarbene Sektflache, natürlich mit einem Puppenkönigkopf, gewonnen hat.

Schön war‘s, Spaß hat das Zusehen und Dabeisein gemacht! Wegen des großen Erfolges gibt es eine Fortsetzung am Ende des Monats April.

Norbert Schwarz, theater minimal,
Puppen, Menschen und Objekte Nr. 112/2015