KASPERS WEG VON OST NACH WEST
Erinnerungen an die Pirnaer Puppenspiele von Wolfgang Hensel
J. H. Röll Verlag, 136 Seiten, 29,90 €

Anfang der 1960er Jahre packt  Wolfgang Hensel seinen Kasper samt Puppenensemble und Kulissen in Kisten und Kasten und verstaut damit auch sein bisheriges  Puppenspielerleben auf einem  Dachboden in Würzburg.
Bis über den Eintritt ins Rentenalter hinaus wird er nun ein erfolgreicher Unternehmer in Sachen Foto- und Studiotechnik werden, eher per Zufall in diesem Genre, aber dann doch  wieder nicht unabsichtlich in einem neuen Metier, denn die großen Zeiten reisender Puppenspieler sind vorbei, vielleicht für immer.
Dabei hatte nach dem Ende des zweiten Weltkrieges für den jungen Wolfgang Hensel in seiner Geburtsstadt Pirna alles so unproblematisch wie großartig angefangen: die Puppenspielerlizenz von der sowjetischen Kommandatura war leicht erlangt worden, es gab ein paar spielbare Texte von Max Jacob, begeisterte Mitspieler und ein kulturhungriges Publikum. Nicht nur Kinder erwarteten den Pirnaer Kasper ungeduldig, auch Erwachsene waren dankbare Zuschauer. Besonders doppeldeutige Witzeleien, die alte wie neue Machthaber lächerlich machten, wurden bejubelt und beklatscht. Im vorwiegend farbigen Bildteil vermitteln einige schwarz/weiß Aufnahmen aus jener Zeit  sehr authentisch damalige Publikumsstimmungen.
Nicht  begeistert aber waren die Hüter der neuen politischen Ordnung über derlei Späße. Das „Amt für Information“ – Vorläufer der ‚Staatssicherheit der DDR‘ machte Kasper & Co. das Leben schwer, erwirkte sogar Auftrittsverbote, Repressalien. Da nützte auch eine weit über Sachsen hinaus reichende Popularität nichts, da half auch keine Prominenz in der DDR über das junge Medium Fernsehen.
Bei einer Gastspielreise in die Bundesrepublik beschloss man auf die Rückreise zu verzichten, einen Neustart im anderen deutschen Land zu wagen.
Hier gibt es auch ein Wiedersehen mit dem großen Vorbild Max Jacob. Ihm ist ein schönes Kapitel gewidmet und im umfangreichen Bildteil sehen wir nicht nur beim Kasper (die Nase!) das berühmte Vorbild ‚Hohensteiner‘. Viele Figurenköpfe wurden von Theo Eggink geschnitzt, die Kostüme schuf oft Friedel Kostors, beide den Hohensteinern zugehörig.
Der Bildteil ist Farbenrausch! Brilliante Fotos, die Figuren immer ins rechte Theaterlicht gerückt: Kasper als Papageno, Gretel ist selbstredend Papagena, im „Freischütz“ und im „Jedermann“ sind beide natürlich Protagonisten, im stückgerechten Kostüm, ebenso wie im „Doktor Faust“ und im „Schwarzwaldmädel“. Von den Figuren der ‚Kinderspiele’ gar nicht zu reden, die möge man sich,  ebenso wie viele andere Theaterpuppen aus der Pirnaer Zeit ansehen, wenn nicht in diesem Buch, dann im Puppentheatermuseum der Stadt München. Dort haben der Kasper und seine Gefährten eine würdigere Heimat als auf dem Dachboden in Würzburg gefunden. Nicht zuletzt soll erwähnt werden, auch das erste westdeutsche Sandmännchen ist eine Hensel – Schöpfung!
Und Struppi, dieser DDR - Fernsehhund und Begleiter von Flax und Krümel (immer sonntags um 10:00 Uhr morgens, es war ein Kinder -  MUSS!), auch er stammt letztlich aus Pirna, war Bergleiter meiner Kinderfernsehzeit. Und wer weiß, ob ich ohne diesen Struppi jemals  zum Puppentheater gefunden hätte?
Das Wolfgang Hensel sich mit 83 Jahren an die Niederschrift seiner Erinnerungen an die „Pirnaer Künstlerpuppenspiele“ gemacht hat ist ein glücklicher Zufall, schließt sich doch so wieder eine kleine Lücke in der deutschen Puppentheatergeschichte.

Norbert Schwarz, theater minimal
Puppen, Menschen & Objekte Nr. 100 / 2009