44892 Bochum, Ortsteil Langendreer-West, Hohe Eiche. Die Nr. 27, ein Klotz aus rotem Backstein. Ein ehemaliges Schulgebäude mit zweiflügliger, wuchtiger Eingangstür. Darüber in metallenen Buchstaben: FIGURENTHEATERKOLLEG, Ziel meiner ersten Begegnung mit der Fortbildungsstätte für Puppenspieler (und solche, die es werden wollen). Wenn sich innen der erste Eindruck von Schule durch eine riesige Freitreppe zu bestätigen scheint, so wird er sogleich gebrochen. Eine überlebensgroße Thea-terfigur kann – trotzt riesiger Nase, grimmig gefalteter Stirn und weit ausgreifenden Händen – keine Schulangst verbreiten. Einen Blick weiter wird man von einer drallen Frauenfigur mit blau-weiß gestreifter Schürze freundlich lächelnd eingeladen näher zu treten.
Mein erstes Seminar „Bau eines Kofferschattentheaters“ wird geleitet von Hansueli Trüb, dem Experten für Schattentheater aus der Schweiz.
In der anfänglichen Sitzungsrunde machen wir Kursteilnehmer uns miteinander bekannt, dann stellt Hansueli einen schmalen, nicht zu großen Holzkoffer auf den Tisch und verwandelt ihn fast sekundenschnell mit wenigen Handgriffen in ein Schattentheater mit Projektionsfläche, Beleuchtung und samtenen Vorhängen.
In fünf Tagen bauen, sägen, bohren wir in der Werkstatt (mit von Hansueli bestens vorgefertigten Bauteilen) eine transportable Schattenbühne. Zum Schluss spielt jeder eine Szene auf dem eigenen Schattentheater. Die jüngeren Kursteilnehmer versuchen umfangreiche Geschichten zu erzählen, verzetteln sich mit dem Zeitplan, denn der Bau von Schattenfiguren ist zeitaufwändiger als gedacht. Die Puppenspieler mit etwas mehr Erfahrung beschränken sich auf kleine Etüden, sind aber mit der Aufführung auch nicht so recht zufrieden.
Doch sehr zufrieden, so habe ich jedenfalls den Eindruck, trägt jeder am Ende dieser knappen Woche seinen Schattentheaterkoffer nach Hause.

Nachgedanken im Zug zurück nach Berlin:
MUSSTE ES AUSGERECHNET DIESES SEMINAR SEIN? – Ja. Ich fahre schließlich mit „meinem eigenen“ Schattentheater im Gepäcknetz nach Haus.
WAS WIRD DIE ERSTE INSZENIERUNG SEIN? – Weiß ich doch jetzt noch nicht! Die Idee, ein Theater in einem Koffer zu haben war einfach faszinierend.
GUT. GEHT'S MAL WIEDER NACH BOCHUM? – Ganz bestimmt. Ich habe mich im Kolleg wohl gefühlt, in dieser unverkrampften, aufgeschlossenen Atmosphäre. Mir haben auch die Gespräche mit viel jüngeren Kolleginnen und Kollegen gefallen. Dieses Aufeinandertreffen von so verschiedenen Vorstellungen von Figurentheater, die Begeisterung, mit der junge Leute Theater machen wollen. Da habe ich mich wieder erkannt in meinen jungen Idealen, Träumen, Fantasien. Ich wurde angeregt, meinen eigenen Standpunkte zu überprüfen und – besonders wichtig – wieder und immer wieder eine unverstellte und im besten Sinne naive Sicht auf meine Arbeit zu versuchen und zu experimentieren, Wagnisse nicht zu scheuen, Risiken einzugehen.
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Bochum im Winter ist in etwa so wie Berlin im Winter. Nicht besonders gemütlich. Aber das Kolleg war gut geheizt als wir – Cornelia aus Mecklenburg-Vorpommern, Desireé aus dem Ruhrgebiet, Klaus aus der Schweiz und ich – uns mit Gert Engel versammelten zum Seminar „Öffentlichkeitsarbeit und Werbung für das Figurentheater“.

Das Themenfeld war vielfältig: Was ist der Unterschied zwischen Werbung und PR? Wie sieht der ideale Info-brief, wie ein optimaler Bewerbungsbrief für ein Gastspiel aus? Wie funktioniert erfolgreiche Telefonakquise. Flyergestaltung? Plakate, Gastspielverträge, Kilometerpauschale, Tagegeldberechnung ... noch immer habe ich nicht alle Informationen dieser Woche umsetzen können.  Aber ich bin mit einem neuen Entwurf für mein Logo zurückgekommen, eigentlich sollte es sofort meinen alten Briefkopf ablösen, mein Auto zur Eigenwerbefläche machen.
Eigentlich müsste / sollte / könnte so manches manchmal schneller gehen. Eigentlich.

Wenn ich in einem kurzen Eleven-Jahr an der Puppenbühne Österreich-Ohnesorge in Gera vom Spiel mit Handpuppen auch viel gelernt habe, dann – so glaubte ich – kann es doch nach einem fast zwanzigjährigem Leben als Theaterschauspieler nicht so schwer sein, ein Solostück mit Figuren auf die Bühne zu bringen.
Die Unternehmung erwies sich schwieriger als gedacht. Mein Spiel mit Figuren, mit Puppen, mein Wechsel vom Schauspieler zum Figurenanimateur/-spieler wollte nicht so gelingen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Konnte nicht so gelingen, denn es fehlte mir einfach grundlegendes Wissen in Theorie und Praxis.

Rudi Schmid war mir als Spieler, als Leiter des „Fliegenden Theater“ in Berlin aus verschiedenen Aufführungen ein Begriff. Da war der schon bekannte Weg nach Bochum nicht weit, als er dort das Seminar „Mensch und Figur“ anbot. Hier hat sich für mich vieles ge- und erklärt, ich habe ganz nebenbei, auch wenn das nicht so in der Kursausschreibung erwähnt wurde, etwas über Disziplin, über Verantwortung gegenüber der Arbeit mit der Figur, dem Objekt gelernt. Und Rudis Zwischenruf: „Du bist schon wieder Schauspieler, spiele bitte mit der Figur, dem Objekt!“ ist, neben vielen anderen Erkenntnissen, immer wieder ein wichtiges Korrektiv in meinem Hinterkopf, wenn ich eine neue Szene erarbeite.
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Ich habe irgendwann eine Nähmaschine gekauft in der Hoffnung, ich könnte das Nähen meiner Puppenkostüme mal eben schnell und nebenbei erledigen. Erledigt hat das dann letztendlich immer die Änderungsschneiderei an der Ecke, nie ganz so, wie ich es wollte, und es war immer teurer als ich dachte.
Im Kurs von Imke Henze „Kostümschneiderei“ (es muss erwähnt werden, dass das Figurentheaterkolleg den Kurs trotz geringer Teilnehmerzahl aufrecht erhielt) lernte ich nicht nur zuallererst die Angst vor der „Maschine“ zu verlieren, denn wenn jetzt irgendwo die Nähmaschine knirscht, hakelt oder schrappelt, dann weiß ich, dass es nur hieran oder daran liegen kann ... Ich habe in diesen fünf Tagen ein Kostüm für eine Klappmaulfigur (ziemlich groß) zu nähen gelernt, inklusive eines vorher gefertigten Probemodells. Imke Henze war geduldig, aber unerbittlich bei Nachlässigkeit und Schluderei. Knopfloch nähen kann ich jetzt, umgestürzten Kragen, diese und jene Art von Naht und manche Tricks und Kniffligkeiten. Noch ist die Nähmaschine zwar nicht meine allerbeste Freundin, aber auch das wird ja vielleicht mal.

DAS WAR’S JETZT MIT BOCHUM? – Nein, ein weiterer Kurs ist gebucht. Und im Januar 2006 dann noch einer.  
Norbert Schwarz, theater minimal, Puppen, Menschen und Objekte, Nr. 93/2005