Große Aufregung in einem kleinen Nähkästchen

Im kleinen Spielraum der Schaubude Berlin kommt, einen quietschblauen Wollfaden aufwickelnd, die Spielerin Nicole Weißbrodt vom Theater Lakritz auf die Bühne. Es gelingt ihr schnell die Kinder mit der Frage  welche Handarbeiten sie kennen zum mitmachen zu gewinnen: nähen, stopfen, stricken, sticken und häkeln wird gerufen. Ist der Rock der Spielerin gestrickt? Oder doch von der Großmutter gehäkelt? Jedenfalls hat die Großmutter bei ihren Handarbeiten immer Geschichten erzählt, Geschichten wie die vom ‚Hase und Igel‘.
Da rappelt es plötzlich im Nähkästchen. Es wird getrampelt, geschlurft, gehustet, gelacht, gegickert, gequietscht geschmatzt und sogar gerülpst: die Igelkinder feiern Kindergeburtstag, laut und schön lange. Die fünf Igelkinder, kleine graue Wollknäule, sind außer Rand und Band, kullern über Tisch und Stuhl. Herr Hase, mit dem die Igelfamilie Tür an Tür wohnt und der die Ruhe liebt, knallt mit der Nähkästchenklappentür, die Igelkinder knallen zurück. Einmal. Zweimal. Mehrmals. Das macht Spaß! Es geht hin und her. „Tür auf, Tür zu! Tür auf, Tür zu“. Der erste Konflikt ist da, Herr Hase, eine Sockenpuppe mit langen Schlappohren und ebenso langen Schlenkerbeinen, beschwert sich ärgerlich und wütend lispelnd bei den Igeleltern. Zwei Nadelkissen, mit Stecknadeln bestückt, werden sofort von den Zuschauerkindern als Igelvater und Igelmutter erkannt. Es gibt auch im weiteren Verlauf des Stückes keine Verwunderung, dass alltägliche Dinge aus dem Nähbedarf zu Requisiten oder zu weiteren Tieren werden. Ein Objekt wie der Stopfpilz kann Sonnenschirm sein, aber auch Reportermikrophon oder Hörrohr der medizinischen Ambulanz, die mit Blaulicht (blaues Wollknäuel) angefahren kommt. Das Nähkästchen ist voll von banalen Utensilien, die zu Sonnenblumen (Zwirnsterne), Sonne (Stickrahmen),  oder zum Siegerpokal einer Rumflasche (Nähmaschinenöl im Plastikfläschchen) werden.
Auch das Nähkästchen wird auf vielfache Weise zu immer neuen Spielorten. Es ist nicht nur die Behausung der Igelfamilie, es kann zum Radio mit seitlichen Lautsprechern werden, wenn im ‚Sportfunk‘ das Rennen kommentiert wird. Oder zum dreiteiligen Siegerpodest auf dem sich oben der Igelvater im Erfolg sonnt, wenngleich die Idee den Hasen mit optischer Täuschung zur Strecke zu bringen von Frau Igel stammt. Aber wie so oft, so ist es auch hier: ER ist der Sieger, SIE hatte auch irgendwie damit zu tun.
Und der Hase? Er wurde von den Igeln als ‚lahme Socke‘ betitelt, spottet seinerseits über krumme Igelbeine und ist sich seines Sieges mehr als sicher. Er bemerkt den Schwindel der doppelten Igel in seinem eitlen Hochmut nicht und rennt schließlich, rennt, rennt wie  besessen. Wenn die Spielerin mit dem Sockenhasen in der Hand um die Rennbahn sprintet - ein langer gestrickter Schal, der auch schon das Kohlfeld darstellte, ist jetzt die abgemessene Rennstrecke - dann gibt es bei den Kindern großen Jubel, denn Nicole Weißbrodt spielt die mörderische Rennerei des Hasen mit großem Körpereinsatz. Der hechelt und hyperventiliert bis er schließlich in sich zusammensackt,  sich gerade noch einmal aufbäumen kann um dann‚ auf der Strecke‘ zu bleiben.
Bei den Grimmbrüdern ist der Hase jetzt ein toter Hase. Hier kommt er mit LALÜLALA  und Blaulichtknäuel ins Krankenhaus, Einzelzimmer Nummer 24 mit Aussicht auf den Garten.
Die Igelfamilie feiert, feiert so lange bis die Sonne untergeht.
Das Spiel ist aus, nicht oft gibt es bei Kindervorstellungen so großen und langanhaltenden Applaus und die Aufforderung sich alle Dinge aus der Nähe anzusehen wird begeistert angenommen.

Norbert Schwarz, theater minimal
Puppen, Menschen & Objekte Nr. 108/2013