Sigrid Schubert in Frau Holle
Foto: Katharina Stillisch

„Ich bin jetzt mehr eine Ermöglicherin…“

30 Jahre Figurentheater Grashüpfer in Berlin
„‘Grashüpfer‘? Den Namen haben uns die Kinder gegeben.“ Wir sitzen im kleinen Theatergarten zwischen Kaffeestube und Pfadfinderjurte. Sigrid Schubert lächelt und  erzählt: Wer sich noch an die Materialknappheit in der ehemaligen DDR erinnern kann, der wird verstehen das wir oft gezwungen waren zu improvisieren. Ein Mitglied unseres Amateurtheaters arbeitete im Krankenhaus und brachte einmal ausgediente grüne OP-Kittel mit. Das waren dann unsere ersten Spielkostüme. Wenn wir die angezogen hatten riefen die Kinder: „Da sind ja unsere Grashüpfer!“. Der Name prägte sich ein und ist so unser Theatername geworden.
Angeregt durch ihre Töchter hat Sigrid Schubert schon Jahre vorher ihre erste Theaterfigur hergestellt, nicht ahnend das, dieser kleine Teufel, der Beginn einer lebenslangen Faszination werden würde .
Auch Tochter Rike hat die Liebe für das Metier von der Mutter ‚geerbt‘, an der Buschhochschule in Berlin an der Abteilung Puppenspiel studiert, ist nun die Solospielerin Rike Schuberty (bisschen Abgrenzung von der Mutter muss sein!) und Leiterin der Formation ‚theaterkosmos 53‘.
Neben der Arbeit am Rechenzentrum der Humboldt-Universität und nach dem Βesuch eines Puppenspielkurses am Zentralhaus für Volkskunstschaffende in Leipzig gründete sich unter der Leitung von Sigrid Schubert 1984 in einem Hinterhaus in Friedrichshain eine Amateurpuppenspielgruppe. Die Grashüpfer-Puppenspieler erarbeiteten sich schnell eine guten Ruf in der DDR -Volkskunstbewegung, wurden zu Arbeiterfestspielen delegiert, konnten zu Gastspielen in die ‚befreundeten‘ sozialistischen Nachbarländer reisen, bekamen Auszeichnungen und Preise.
Nach dem Fall der Mauer mussten sich die Grashüpfer selber um ihr Weiterbestehen kümmern. Sigrid Schubert mietete privat einen Theaterraum an. Um die Miete bezahlen zu können wurde mit einem regelmäßigen Spielbetrieb begonnen. Nach fünf Jahren lief der Mietvertrag aus. Durch Zufall entdeckte Sigrid Schubert im Treptower Park den ehemaligen ‚Intershop‘, der zu Zeiten der DDR für ausländische und westdeutsche Touristen, die das sowjetische Ehrenmal bei Stadtrundfahrten besuchen mussten, Transitgaststätte und zollfreier Einkaufsladen war.
Das inzwischen ziemlich heruntergekommene Häuschen mit den dunkelblauen Kacheln an der Fassade wurde mit viel Eigeninitiative und Unterstützung des Stadtbezirkes Treptow zu einem Theater mit 60 Sitzplätzen umgebaut. Im Theatersaal und in dem angrenzenden Kaffeeraum sind die Wände geschmückt mit Figuren, Handpuppen und Marionetten alle selbst hergestellt.
Für neun zumeist Solospielerinnen ist dieses Theater zu einem „Heimathafen“ geworden. Sie können hier ihre Schlussproben durchführen und natürlich auch die Premieren. In letzter Zeit waren das die Theater ‚Kobalt – Berlin‘ mit „Pippi Langstrumpf“, das Theater ‚puppen etc.‘ mit dem Stück „Hans im Glück“ und das ‚Theater Ute Kahmann‘ mit der Inszenierung „Der Wolf und die sieben Geißlein“.
Nach den Vorstellungen können die Kinder im kleinen Kaffeefoyer Masken bemalen, Figuren basteln oder Fingerpuppen herstellen. Man kann den Raum für Kindergeburtstage mieten und mit theaterpädagogischer Betreuung eine Reise durch das Märchenland machen, ein Ritterturnier veranstalten oder am Piratennachmittag mit Käpt’n Huck auf Seefahrt gehen. Auf all diese zusätzlichen Angebote ist die Theaterleiterin stolz. Sie bieten für so ein kleines Figurentheater, mit schmalem finanziellem Budget, ein umfangreiches Programm wie es sonst kaum ein Puppentheater in dieser Größenordnung in Berlin bereithält. Auch wenn der Arbeitsaufwand zeitweise hoch ist, es gibt ‚gute Geister‘ die ehrenamtlich gerne den Grashüpfern zur Seite stehen. Denn ohne solche Hilfe wären alle diese Aktivitäten nicht möglich. Und erstmals hat das Theater im Rahmen einer infrastrukturellen Förderung  vom Stadtbezirk etwa 20.000 € für eine reguläre Stelle erhalten.
Das Grashüpfer-Theater veranstaltet fast jährlich ein kleines Festival. Es steht immer unter einem thematischen Motto. In letzter Zeit  war es den Grimm-Märchen „Rotkäppchen“ und „Dornröschen“ gewidmet. Verschiedene Bühnen aus ganz Deutschland zeigten ihre Inszenierungen. Die verschiedenen Sichtweisen auf immer den gleichen Märchenstoff waren überraschend und spannend.
2013 war das Festival dem Motto ‚Zerstörte Vielfalt‘ gewidmet.  Zu sehen war unter anderem das Töfte-Theater mit der Inszenierung „Engel mit nur einem Flügel“, das Tandera-Theater mit dem Stück „1944 – es war einmal ein Drache“ und das Seifenblasentheater zeigte “Hannes und Paul“. Der unterschiedliche Blickwinkel auf dieses schwierige Thema war beeindruckend. Weder das Grauen der bekannten schrecklichen Geschehnisse wurde ausgespart, noch die   skurrile Komik,  die sich aus manchen Situationen zwangsläufig ergab. Ein Wechselbad der Gefühle stellte sich beim Zuschauen ein.   
Neben solchen Höhepunkten gibt es fast täglich Vorstellungen für Kinder. Zusammen mit den theaterpädagogisch betreuten Veranstaltungen sind das im Jahr etwa 400 Termine  mit ca. 16.000 Besuchern.
Sigrid Schubert spielt trotz der enormen zusätzlichen administrativen Aufgaben, die es für eine ehrenamtliche Theaterleiterin gibt, immer noch ihre Stücke „Frau Holle“, „Ein neuer Stern über Bethlehem“, die „Trollmärchen“ und für Jugendliche und Erwachsene „Das goldene Vlies – die Argonautensage“. Aber um neue Stücke zu erarbeiten, Figuren zu bauen und Texte zu schreiben fehlt ihr nunmehr die innere Ruhe. „Ich bin jetzt mehr eine Ermöglicherin“, diesen Satz sagt die 73-jährige vitale Theaterchefin ganz ohne Wehmut, eher mit Stolz.
Zum 30-jährigen Jubiläum gibt es in diesem Jahr natürlich eine Festwoche. Ein Gastspiele mit dem „Töfte-Theater“ ist vereinbart. Das Figurentheater „Ernst-Heiter“ und Anne Klinge mit ihrem „Fußtheater“ werden ebenso dabei sein wie Kristiane Balsevicius vom „Kobalt- Theater Berlin“ mit dem Stück „Katze Minki findet Freunde“. Und eine neue Formation wird sich präsentieren: „Puppenpool“ eine Agentur und ein Netzwerk von acht jungen freischaffenden Spielerinnen, alle ausgebildet an den Hochschulen  Berlin oder Stuttgart.
Seit 1986 steht im Innenhof des Theaters über das ganze Jahr, bei Wind und Wetter, eine Pfadfinderjurte in der um einen Feuerkreis die Zuhörer sitzen. Etwa 10 Erzählerinnen und Erzähler bringen hier allein, zu zweit, zu dritt oder sogar in der langen Märchennacht zu mehreren gemeinsam bekannte aber lieber noch unbekannte Märchen zu Gehör.
Der einstmals vom Stadtbezirk recht stiefmütterlich behandelte Treptower Park war irgendwann in den Augen von Sigrid Schubert so nicht mehr zu tolerieren. Sie kam auf die Idee mit den ihr zur Verfügung stehenden Theatermitteln den Park schöner, sogar kostbarer zu machen.  „Märchenwanderungen im Park“, die neue Schubert-Idee wurde schnell und begeistert vom Publikum angenommen. Und wenn neben anderen Erzählerinnen und Erzählern Ana Rhukiz oder Henrik Rosenquist Andersen hinter Bäumen und Büschen verwunschene Schlösser oder Burgruinen mit Gespenstern vermuten lassen, dann ist das Staunen besonders der Kinder groß. Sigrid Schubert erzählt davon mit strahlenden Augen. Sie könnte es sich in ihrem Theater gemütlich machen, die bisherigen Erfolge genießen. Aber so ist es nicht. Eine neue Idee ist da, mit Namen CAFE EXTRA.
Eine Verbindung zwischen Jurte und Theatersaal, ein Raum für ungewöhnliche Aktivitäten: Lesungen, Vorträge, ein Platz für Musik und Lyrik, für Diskussionen, ungewöhnliche Aktionen in Wort und Bild. Ein Platz an dem einmal im Monat etwas anderes stattfindet, weder Theater oder Erzählung. Noch ist das CAFE EXTRA in der Aufbauphase. Vielleicht hilft die Namenserweiterung „Figurentheater Grashüpfer – Theater im Treptower Park“  bei Besuchern,  die  an diesem Ort  „nur Kindertheater“ erwarten, Neugier und Interesse zu wecken, denn es gibt hier nicht nur qualitativ hochwertiges Theater für Kinder sondern  auch eine EXTRA-Kost für große Zuschauer.
Norbert Schwarz, theater minimal
Puppen, Menschen & Objekte, Nr. 110, 2014