(Gastspiel im Rahmen der Werkschau des „Teatron Theater“ Arnsberg in der Schaubude Berlin)

Der Zwerg von der Natur benachteiligt, von der Mitwelt erst verspottet, dann verachtet, schließlich ausgegrenzt. Und doch aufgestiegen. Wegen seiner körperlichen Mängel und Gebrechen. Wegen der daraus resultierenden scharfen Beobachtung, wegen der ironischen Bewertung der sogenannten normalen Welt.
Der Zwerg sitzt in seiner körperlichen Kleinheit nicht an, sondern auf der großen Tafel des Fürsten. Hier ist jetzt sein Platz, den er zu allererst seinem viel zu kleinen Körper und seinem überwachen Geist zu verdanken hat. Den Hofherrschaften ist er eine komische, immer lustige Figur. Dem Fürsten ist er Vertrauter, Zuträger von Klatsch und Tratsch, eine gut abschöpfbare Quelle geplanter Intrigen und Machenschaften seitens der Hofschranzen.
Auch die Fürstin missbraucht ihn als Vertrauten und dienstbaren Geist für ihre zahlreichen Amouren.
Der pubertierenden Prinzessin dient er als niedliches lebendiges Spielzeug, das sie bei Nichtgefallen achtlos in die Ecke treten kann. Yehuda Almagor spielt (mit vorgebundenem Zwergenbauchwatton, daran zwei kurze und verkrümmte Beinchen) den Zwerg. Er fegt behende mit diesem versehrten Zwergenkörper über die Bühne, Tisch rauf, Tisch runter bespielt er den Raum artistisch gekonnt.
In atemlosem Stakkato erzählt dieser Zwerg seine Lebensgeschichte. Die Stimme girrt und flirrt, gurgelt, quetscht, plärrt, greint und presst. Das Lachen bleibt ihm im Halse stecken. Er schreit, flüstert, quält sich über Oktaven. Atemlos treibt er sich an, die erlittenen Schmähungen, Verletzungen, die Ungerechtigkeiten, die ganz Pein des von der Natur benachteiligten, der sich letztlich auch selber verachtet, herauszuschreien. Das ist beeindruckend, ist virtuose Stimmbeherrschung, ist eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung.
Aber Yehuda Almagor gestattet sich in dieser Suada des Leidenden kaum eine Pause. Er gönnt auch uns Zuschauern keine Pause, keinen Moment, in dem sich ein Bild im Kopf herstellen kann. Es gibt keinen Augenblick, in dem die erzählten Geschichten und Ereignisse nachklingen können. Es bleibt kein noch so kurzer Moment für Reflexionen.
Der Darsteller/der Zwerg spricht – man hört es deutlich – in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist. Das macht er perfekt, aber Almagor, der auch sein eigener Regisseur ist, benutzt diesen Umstand nicht als theatralisches Mittel. Er verschenkt die Möglichkeit einer interessanten schauspielerischen Ebene: das Suchen nach dem richtigen Wort, das Nachhören, dieses innere Nachfragen: “sagt man das hier so?“, die Tücken der fremden Grammatik, die der Komik nie ganz entbehren.
Die Inszenierung hat große Momente: der Schauspieler knüpft das Zwergenbauchwattton ab, schnallt es der Fürstenfigur vor. Der Fürst verkleinert so zum Zwerg. Almagor spielt jetzt den Hofmaler Bernado, der darunter leidet, die Wirklichkeit, die Schönheit der Fürstin nicht abbilden zu können, da jeder Augenblick vergänglich, also nicht fassbar und demzufolge auch nicht abbildbar ist. Die Figur des Hofmalers ist in Almagors  Gestalt einer von den normalen Menschen, da aber Yehuda Almagor bis dahin die Zwergenfigur verkörperte, ist gleichzeitig in dieser normalen Figur auch ein Zwerg sichtbar, so wie in der Zwergengestalt jetzt auch ein ganz normaler Mann sichtbar wird, der sich erst später wieder optisch verkleinert, indem sich der Darsteller zum Zwerg verkleidet.
Ganz am Ende hat der  Zwerg den gesamten Hofstaat – den Fürsten ausgenommen – vergiftet, aus Gekränktheit, aus Verbitterung, oder doch auf Geheiß des Fürsten, wir erfahren es nicht genau. Jetzt steht der Darsteller Almagor – der Zwergengestalt entledigt, entblößt – zwischen den Leichen, betrachtet, die Hand auf ein riesiges Kreuz gelegt, seine Tat. Ruhig. Still. Er wendet den Blick zur Fürstenfigur und flüstert fast: „Sein Platz hätte mir gehört. Sein Leben hätte mein Leben sein müssen.“
Schweißperlen glitzern auf seinem Gesicht wie Tränen. Ein Moment, in dem man im Saal eine Stecknadel hätte fallen hören können.
Natürlich erfahren wir ganz am Ende noch, dass der Fürst – im Namen der Gerechtigkeit – den Zwerg zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt hat.
Die Inszenierung ist fast zwanzig Jahre alt, man bemerkt es nur an den Bühnenfiguren und Figurenköpfen. Sie haben die Anmutung und Größe von Schaufensterpuppen der Neunziger mit Kunsthaar, das wie Echthaar wirken soll. Das tut es nicht.
Die Schaubude Berlin kündigte das Gastspiel als Puppentheater an. Das war es nicht.

Es war ein höchst interessantes Schauspielersolo mit Figuren, dargeboten von Yehuda Almagor.
Chapeau!
Norbert Schwarz, theater minimal
Puppen. Menschen & Objekte, Nr.94 / 2006