„Die dumme Augustine“
‘kleines spectaculum‘, Ilsebyll Beutel-Spöri

„PANIK im Zirkus „kleines spectaculum!“
Doch bevor die Frau Direktor fast verzweifelt, herumschimpft, sogar mit Entlassung droht weil der Hauptclown August nicht zur Stelle ist, obwohl die Zirkusvorstellung bereits begonnen hat, ist schon viel passiert:
Das Spiel beginnt mit dem Einzug des ‚Zirkusorchesters‘ (Ines Fuchs + Akkordeon) und der glockeschwingenden Frau Direktor Ilsebyll. Die Bühne, bisher ein illuminiertes Zirkuszelt dreht sich, das Wohnwageninnere von Familie August  wird sichtbar. Frau Augustine ist es, die die Familienchose zusammen hält. Während  Herr August noch in den Federn schnarcht, versorgt sie Haushalt und Nachwuchs. Wir erleben Zirkusalltag: Bub Guggo dressiert den Hund Moppel auf manegentaugliches Rechnen, das Mädel Gugga muss Freikarten verteilen und Guggilein, das ‚Babylein‘ erobert sich im Fluge mit ausgesprochen differenziertem Geschmatze, Gesabber und Geplapper die Herzen aller Zuschauer, nicht nur die der Kinder. (Regie: Dörte Kiehn)
Die Bühne dreht sich wieder (Bühne und Figuren: Antje und Jürgen Hohmuth), wird zur Zirkusmanege in der jetzt bei einer Zirkusvorstellung Attraktionen zu bestaunen sind: eine
Einrad (!) fahrende Bärin, eine giftig schillernde Anaconda, die anmutig tänzelt und schlängelt und immer wieder August, jonglierend, Kunststücke mit Moppel vorführend, mit Miniakkordeon fröhlich musizierend.
Gerade war er noch lustig, jetzt plagen ihn Zahnschmerzen. Er jammert so herzerweichend, hat diese Angst vor dem Zahnarzt, die wohl jeder kennt. Und doch: er muss hin zum Doktor.
Die Bühne dreht sich wieder, ist nun eine Schattenwand, erst Wartezimmer beherrscht von einer herrlich schwäbisch parlierenden Mutti, die alle übertönt und sowieso alles besser weiß. Die Schattenperspektive wechselt, ganz nah: man sieht nun August im Zahnarztstuhl, riesig die Zange die den Zahn herauswuchtet, ohne Narkose!  
Im Zirkus ist Frau Direktor Ilsebyll außer sich: Vorstellung läuft, August nicht da, Katastrophe, sofortige Entlassung!
Doch Augustine – gar nicht so dumm wie der Stücktitel vorgibt – springt ein, sieht ihre Chance, kann endlich ihren Traum von der ‚Clownesse Augustine‘ (den wir lange vorher als poetisches, farbiges Schattenspiel gesehen haben) verwirklichen. Sie macht mit Töpfen, Tellern und Pfannen allerlei Jonglierkunststücke, unterhält das begeisterte Publikum prächtig. Die Show läuft, Frau Zirkusdirektor ist wieder fröhlich, der inzwischen eingetroffene August auch. In Zukunft will er, zwar ohne Backenzahn, dafür aber nur noch mit Augustine auftreten. Er hatte ihr zwar bisher als Gauklerin nichts zugetraut, doch nun, da sie ihm aus der Patsche geholfen hat: „Na klar doch, warum eigentlich nicht ...“
Also Ende gut, alles gut, auch moderne Märchen (Text: Otfried Preußler) haben manchmal einen glücklichen Schluss.
Ilsebyll Beutel-Spöri und Ines Fuchs haben uns ein schönes Stück Zirkus gezeigt.
Trommelwirbel, Tusch, Applaus!
Ich hätte dieser Vorstellung mehr interessierte Verbandsmitglieder gewünscht, als am Ende unserer Tagung noch anwesend waren.

Norbert Schwarz, theater minimal
Puppen, Menschen & Objekte Nr. 98 / 2008